Die Teilnehmer am Marktplatzgespräch stehen druaßen vor dem Gemeindehaus. von links: Dr. Svenja Haberecht, Dieter Bökemeier, Stefanie Rieke-Kochsiek, Prof. Dr. Thomas Grosse und Sabine Hartmann.
Marktplatzgespräch. Mit Dr. Svenja Haberecht, Dieter Bökemeier, Stefanie Rieke-Kochsiek, Prof. Dr. Thomas Grosse und Sabine Hartmann (von links).

„Erst wir, dann die Welt?“

Marktplatzgespräch thematisierte globale Verantwortung

Detmold. „Erst wir, dann die Welt?“ Die Frage stand beim Marktplatzgespräch der Lippischen Landeskirche im Gemeindehaus der Erlöserkirche im Zentrum. In Zeiten von Krieg, Flucht, Klimakrise und knapper werdenden Kassen gewinnt der Ruf nach Selbstbezogenheit an Lautstärke.

Warum noch Geld für Entwicklungszusammenarbeit ausgeben, wenn es auch hierzulande an vielen Stellen fehlt? Warum Flüchtlinge aufnehmen, wenn Wohnraum und Sozialleistungen knapp sind? 

Über die Frage, wie globale Verantwortung gerade in Krisenzeiten aussehen kann, sprachen Pfarrerin Stefanie Rieke-Kochsiek, Vorsitzende der Kammer für Weltmission, Ökumene und Entwicklung der Lippischen Landeskirche, die Bielefelder Soziologin Dr. Svenja Haberecht, die auch im Vorstand der Flüchtlingshilfe Lippe e.V. ist, und Prof. Dr. Thomas Grosse, Rektor der Hochschule für Musik Detmold. Dieter Bökemeier und Sabine Hartmann moderierten den Abend.

Bökemeier machte gleich zu Beginn deutlich, wie politisch das Thema ist. Ein eng gefasstes „Wir“, das nur einen Teil der Bevölkerung meine, könne schnell zum „Wir gegen die anderen“ werden. Zugleich werde bei Entwicklungshilfe und internationaler Zusammenarbeit der Rotstift angesetzt.

Svenja Heberecht bedauerte, dass gesellschaftliche Krisen immer wieder genutzt würden, um Bedingungen für Geflüchtete zu verschärfen. Dabei seien viele Probleme des globalen Südens historisch mit dem Kolonialismus und der Ausbeutung durch den globalen Norden verbunden. Auch die Folgen des Klimawandels träfen die Länder des Südens besonders hart. Entwicklungshilfe sei deshalb nicht nur Wohltätigkeit, sondern könne auch als Beitrag zur Übernahme historischer Verantwortung verstanden werden.
Stefanie Rieke-Kochsiek lenkte den Blick auf die Kirche. „Kirche ist weltumspannend“, sagte sie. Gerade darin liege eine besondere Chance. Internationale Partnerschaften seien keine Einbahnstraße. Als etwa Gemeinden aus internationalen Partnerkirchen der Lippischen Landeskirche von der Flutkatastrophe im Ahrtal erfahren hätten, sei spontan Hilfe angeboten worden. Auch biblisch sei die Verantwortung für Menschen jenseits der eigenen Gemeinde fest verankert. Paulus habe bereits in der reichen Gemeinde in Korinth für die Armen in Jerusalem gesammelt. Dabei gehe es nicht darum, sich selbst zu vergessen. „Wir sollen uns natürlich nicht geringer schätzen als andere“, betonte Rieke-Kochsiek. Entscheidend sei vielmehr der gerechte Ausgleich. Brot für die Welt und kirchliche Partnerorganisationen setzten zunehmend auf Zusammenarbeit mit Menschen vor Ort.

Wie selbstverständlich ein solches Miteinander funktionieren kann, erläuterte Prof. Thomas Grosse am Beispiel der Hochschule für Musik Detmold. Rund die Hälfte der Studierenden komme aus aller Welt. Beim gemeinsamen Musizieren spielten nationale Grenzen im Alltag kaum eine Rolle. Dass diese Offenheit keineswegs selbstverständlich sei, zeige ein Blick zurück auf die 1980er Jahre. Als viele Musiker aus Japan nach Deutschland kamen, habe die Sorge geherrscht: „Die nehmen uns die Orchesterstellen weg.“ Heute seien internationale Musikerinnen und Musiker in deutschen Orchestern selbstverständlich. Gleichzeitig gebe es weiterhin Ausländerfeindlichkeit. Internationale Studierende berichteten immer wieder, in der Stadt misstrauisch angesehen oder sogar angepöbelt zu werden. Populistische Parteien würden Fremdenhass schüren.

Grosse sieht deshalb auch die Kultur in der Verantwortung. Musik, Literatur und Kunst seien keine Luxusgüter, sondern gehörten zu den menschlichen Grundbedürfnissen. Musikalische Bildung müsse deshalb weltweit zugänglich sein. Die Hochschule für Musik Detmold ist 2026 Botschafterin für Brot für die Welt in Lippe. Das Engagement passe zu einer Hochschule, deren Alltag längst international geprägt sei.

Musikalisch unterstrichen die aus Serbien stammende Flötistin Anđela Andolšek  und der aus Südkorea kommende Pianist Jay Myung, beide Studierende der Hochschule, die Botschaft des Abends mit Kompositionen von Franz Schubert, César Franck und Ludwig van Beethoven.

Ein Team des Eine-Welt-Ladens Alavanyo in Detmold versorgte die Besucher des Abends unter anderem mit fair gehandeltem Wein.